Globalisierte Enteignung

Die neue Landnahme in Lateinamerika

Artikel erschienen im INKOTA-Dossier 7

Die neue Landnahme: Der Globale Süden im Ausverkauf

Juni 2010

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Globalisierte Enteignung

Die neue Landnahme in Lateinamerika

Thomas Fritz

Die neue Landnahme vollzieht sich nicht nur in Afrika, das im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit steht, sondern auch in Amerika, Asien und Osteuropa. Vor allem Lateinamerika erfreut sich großer Beliebtheit unter den Investoren. Anders als in manchen afrikanischen Ländern finden sie hier nahezu ideale Bedingungen vor. Denn neben billigen Arbeitskräften und niedrigen Bodenpreisen bieten die meisten südamerikanischen Staaten zusätzlich Rechtssicherheit, entwickelte Infrastrukturen und attraktive Investitionsanreize.

Die neue Landnahme transformiert den Agrarsektor Lateinamerikas. Gepäppelt mit internationalen Anlagegeldern schießen zahlreiche neue Investmentvehikel aus dem Boden, die ausländische oder lokale Unternehmer speziell für den Landerwerb gründen. Auch das alteingesessene südamerikanische Agrobusiness, teils noch in Familienbesitz, internationalisiert sich rasch. Die größeren Firmen nehmen Kapital an den Börsen auf, um ihre Expansion auf dem gesamten Subkontinent zu finanzieren.

Die modernen Landjäger…

Ein typisches Beispiel des globalisierten Landbesitzes liefert die erst 2008 gegründete Fondsgesellschaft Agrifirma Brazil. Ihre Büros hat sie in Großbritannien, registriert ist sie in der Steueroase Jersey, und sie besitzt bereits knapp 70.000 Hektar in den zentralbrasilianischen Savannen des Cerrado. Zu ihren Vorstandsmitgliedern zählt der ehemalige brasilianische Landwirtschaftsminister unter der Regierung Lula, Roberto Rodrigues. Einer der Berater ist der US-amerikanische Guru der Rohstoffspekulanten, Jim Rogers.

Dessen ehemaliger Geschäftspartner, George Soros, setzt ebenfalls aufs Land. Der oft als wohltätiger Mäzen dargestellte Finanzinvestor ist Anteilseigner von Adecoagro, einem der größten Agrarproduzenten Argentiniens. Im Jahr 2002 begann Adecoagros Einkaufstour. Heute besitzt das Unternehmen mehr als 270.000 Hektar in Argentinien, Brasilien und Uruguay, auf denen es Soja, Raps und Zuckerrohr anbaut. Soros versprüht den branchenüblichen Optimismus: „Ich bin davon überzeugt, dass Agrarland eine der besten Investitionen unserer Zeit sein wird.“

Auch deutsche Kapitalgesellschaften mischen eifrig im internationalen Grundstückspoker mit. Über eine luxemburgische Firma kanalisiert der Hamburger Vermögensverwalter Aquila Capital die Gelder betuchter Anleger in die 2007 gegründete Proterra Agropecuária S.A., die in den brasilianischen Cerrados auf Landkauf geht, um Zuckerrohrplantagen anzulegen. In diesen Gebieten seien die Bodenpreise um 70 Prozent niedriger als in den Agrarzentren Südbrasiliens, heißt es in Aquilas Beteiligungsprospekt. 250.000 Hektar wollen die Hamburger erwerben und rechnen mit einer „hohen und sofortigen Wertsteigerung des Landes“.

Mit ihren Publikumsfonds bietet die Deutsche Bank auch Kleinanlegern die Möglichkeit, von der Landnahme zu profitieren. Fokus ihres DWS Global Agribusiness Fund, ebenfalls eingerichtet in Luxemburg, sind Aktien börsennotierter Agrarkonzerne. Darunter finden sich mehrere der aggressivsten südamerikanischen Landkäufer, etwa der brasilianische Zuckermulti COSAN (600.000 Hektar bewirtschaftete Fläche) oder der argentinische Agrarkonzern CRESUD (660.000 Hektar).

… und ihre Verbündeten

Derweil beseitigen die Regierungen rechtliche Hürden des Landkaufs. Im Juni 2009 schockte Präsident Lula die sozialen Bewegungen Brasiliens mit der Unterzeichnung der sogenannten Medida Provisória 458. Für 67 Millionen Hektar Staatsland, die bis Ende 2004 in Amazonien besetzt wurden, können nun legale Eigentumstitel vergeben werden. Doch was vorgeblich der Entschärfung der grassierenden Landkonflikte dienen soll, legalisiert den Raub. Denn zu den Begünstigten des neuen Gesetzes gehören nicht in erster Linie Kleinbauern, sondern Großgrundbesitzer, die den Löwenanteil der betreffenden Flächen illegal besetzten.

Ladislau Biernaski von der Landpastorale CPT (Comissão Pastoral da Terra) kritisiert, dass diese Privatisierung riesige Grundstücke der Agrarreform entzieht: „Die hauptsächlichen Nutznießer sind Leute, die eigentlich wegen der illegalen Aneignung von Agrarreformland strafrechtlich verfolgt werden müssten.“ Was Investoren besonders an Lulas neuem Gesetz gefallen dürfte: Bereits nach drei Jahren ist der Weiterverkauf der legalisierten Grundstücke erlaubt. Mit einem Schlag liefert die Regierung das riesige Amazonien den Landjägern aus.

Auch in Kolumbien, das durch einen über 40 Jahre währenden bewaffneten Konflikt gezeichnet ist, nehmen Landraub und Vertreibungen stark zu. Dennoch arbeitet die Regierung unbeirrt daran, die Landnahme weiter zu erleichtern. Kolumbien weist nach dem Sudan weltweit die zweithöchste Zahl von Binnenflüchtlingen auf. Seit 1985 wurden über 4,6 Millionen Menschen zumeist von paramilitärischen Gruppen mit brutaler Gewalt vertrieben. Ein großer Teil der Opfer besaß Land, das sich Unternehmen, die mit den Paramilitärs zusammenarbeiten, illegal aneigneten.

Menschenrechtsgruppen und soziale Bewegungen setzten sich daher für einen Gesetzesvorschlag ein, der die Rückgabe der Grundstücke und die Entschädigung der Opfer vorsah, das sogenannte „Ley de Víctimas“. Im Juni 2009 aber brachte die rechte Regierung von Álvaro Uribe dieses Gesetz zu Fall. Statt die Bevölkerung zu schützen, debattiert das Regierungslager derzeit lieber darüber, wie die maximale Fläche, die in- und ausländische Agrarinvestoren besitzen dürfen, erhöht werden könne.

Schwierige Gegenwehr

Anders als früher können sich die heutigen Investoren nicht nur auf nationale Rechtssysteme stützen, sondern auch auf das Geflecht internationaler Handels- und Investitionsverträge. Die Transnationalisierung des Grundbesitzes beeinträchtigt jedoch die Widerstandsmöglichkeiten von Landlosen und Kleinbauern. An die Stelle des mächtigen, aber physisch präsenten und damit angreifbaren Großgrundbesitzers treten immer undurchsichtigere Eigentumsverhältnisse.

Hinzu kommt, dass viele Regierungen als Sachverwalter der globalisierten Investorengruppen auftreten. Dennoch bleibt der Widerstand vornehmlich auf den Nationalstaat bezogen. Einzelne, wenn auch begrenzte, Erfolge erzielen die Bewegungen gerade dann, wenn die Landnahme nicht in erster Linie als Verletzung ihrer sozialen Rechte erscheint, sondern als Bedrohung der „nationalen Souveränität“.

Nachdem Landlose in Paraguay die Sojafarm eines brasilianischen Kolonisten besetzten, wurde ein Arbeiter bei der polizeilichen Räumung im Oktober 2008 erschossen. Daraufhin verkündete der linke Präsident Fernando Lugo, dass Ausländer künftig kein Agrarreformland mehr erwerben dürfen. Die 2,7 Millionen Hektar, auf denen in Paraguay Soja in Monokultur angebaut wird, befinden sich zu 80 Prozent in ausländischer Hand, zumeist im Besitz von Brasilianern. In seinem Wahlkampf hatte Lugo den Landlosen die „Wiederherstellung der paraguayischen Souveränität“ versprochen.

In Argentinien klagten Indigene der Mapuches 2007 gegen den größten Grundbesitzer des Landes, das italienische Modehaus Benetton, dem sie die Verletzung ihrer traditionellen Landrechte vorwarfen. 960.000 Hektar besitzen die Italiener in Argentinien, auf denen sie vornehmlich Schafe für die Wolleproduktion halten. Während die Klage der Mapuches scheiterte, reichten Anfang 2010 Abgeordnete Gesetzesvorschläge zur Eindämmung von Landkäufen durch Ausländer ein. Die Vorschläge stammen jedoch nicht nur von Anhängern der linksperonistischen Regierung, sondern auch von der dem argentinischen Agrobusiness nahestehenden Opposition.

Das argentinische Beispiel zeigt, dass nicht alle Initiativen gegen die globalisierte Landnahme auf die Erfüllung der Rechte marginalisierter Gruppen abzielen. Mitunter dienen sie einzig den Interessen nationaler Großagrarier. Eine weitere Herausforderung für den Widerstand besteht folglich darin, über die Forderungen nach „nationaler Souveränität“ hinauszugehen und nicht dem jeweiligen Großgrundbesitzertum in die Hände zu spielen.

 

Literatur:

GRAIN: Landgrabbing in Latin America. Against the Grain, März 2010.

Thomas Fritz: Peak Soil – Die globale Jagd nach Land. FDCL-Verlag, Berlin 2009.